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Walter Seidl

DER FAMILYSCULPTURE-KOMPLEX:
Namensgebung als identitätsstiftende Vereinigungskette

Im Rahmen ihrer künstlerischen Arbeit hat sich Angela Dorrer auf die Suche nach der Rekonstruktion ihrer eigenen Familienidentität begeben und weltweit an die 300 Personen mit dem Namen Dorrer kontaktiert, von denen sich nun zahlreiche Kleidungsstücke und andere erkennungsdienliche Dokumente im Besitz der Künstlerin befinden und als Zusammenführung der Identitätsmarke Dorrer im Familysculptureprojekt münden.
Was sich bei Angela Dorrer bisher als Installation von Textilien, Fotos, Briefen und anderen Familienrelikten im Ausstellungskontext manifestierte, wurde nun durch die Möglichkeit des Familysculpture-Karaokes erweitert. Bei dem speziell für das Kulturhauptstadtjahr Graz 2003 entwickelten Event im Gasthof Dorrer konnten die BesucherInnen nicht nur zahlreiche Dorrers kennen lernen, sondern auch in ausgewählte Kleidungsstücke aus der Dorrer-Kollektion schlüpfen und dadurch als Models für kurze Zeit eine neue Familienidentität annehmen.


Die Funktion der Kleidung bildet hier einen identitätsstiftenden Marker, ein Zeichen der Individualität einer Person, das gleichzeitig auch ein Stück des Lebens des jeweiligen Trägers bzw. der Trägerin erzählt, doch welche Rolle wird nun dem Model, das an diesem Kunstprojekt teilnimmt, zugeschrieben? Handelt es sich um einen tatsächlichen Identitätstransfer oder vielmehr um die Thematisierung unterschiedlicher Identitätsformationen und deren Positionierung im Spannungsfeld dominanter und subversiver Kulturachsen?
Verhältnismäßig entstehen Identitätskonstruktionen aus der Wechselwirkung zwischen dem Individuum und einer sozialen Gruppe, zu der es sich zugehörig fühlt. Das Resultat dieser Wechselwirkung führt zur Bildung von kollektiver Identität. Im Falle des Familysculptureprojektes entsteht ein Netzwerk identitärer Achsen durch das Dorrerkollektiv, das dem Mythos der Familienzugehörigkeit auf Basis der Namensgebung unterliegt. Wie dominant wirkt jedoch der Name Dorrer auf die Formierung des vorliegenden Gruppenbildes (mit Dame)? Im gesellschaftlichen und vor allem urbanen Bereich ist in den letzten Jahrzehnten ein allgemeiner Verfall eines spätbürgerlichen Familienideals zu beobachten, bei dem vor allem die Gleichschaltung von Identität und Differenz eine wesentliche Rolle spielt. Das Familienband als kombinatorische Methodik zur Bildung eines Identitätsgefühls wird oftmals unterbrochen, um Individualität als radikalen Gegenpol zum vereinigenden Befindlichkeitsmodus zu setzen.
Wer hat heute noch Lust auf Familienfeiern, bei denen stolz über den Werdegang der einzelnen Familienmitglieder berichtet wird und meist in beschönigender und oftmals verklärter Weise Ereignisse wiedergegeben, um dadurch die Probleme des Alltags zu verdrängen. Der Nimbus Familie kann folglich mit der Konstruktion von Idylle gleichgesetzt werden, die primär das Streben nach Glück impliziert und zur Abkoppelung von leidigen Realitätsmomenten dient. So widmete kürzlich die österreichische Kunstzeitschrift kursiv eine Ausgabe dem Phänomen der Idylle in der Kunst, zu dem die Herausgeberin Mechtild Widrich zu berichten weiß:
„Die Idylle ist heutzutage durchaus präsent, sie tritt meist getarnt auf und spielt als Sehnsuchtsprojektion in der privaten wie in der öffentlichen Sphäre ihre Rolle … Dass die Idylle … immer wieder neu auflebt, mag ganz einfach daran liegen, dass auch das moderne Individuum die Suche nach dem, was man als Glück bezeichnen könnte, nicht aufgegeben hat, die Suche nach einer Ruhe und Geborgenheit, die irgendwo jenseits der alltäglichen „Mühsal“ und jenseits der Suche nach mehr (Fortschritt, Erfolg, Wissen) anzusiedeln ist“*.


Dass es sich im Falle des Familsculptureprojekts eindeutig um eine Idyllkonstruktion handelt, bestätigt der Abend im Ausflugsgasthof Dorrer, der für seine Gastfreundschaft bekannt ist und speziell für die aus Österreich und Deutschland anreisenden Familienmitglieder ein Dorrer-Menü konzipiert hat, das gemeinsam eingenommen wird, bevor es zum Familysculpture-Karaoke übergeht. Auch wenn Dekoration und Ambiente alle Regeln des Kitsches befolgen, stellt Angela Dorrer hier die Weichen für ein erfolgreiches Kennenlernen orthographisch Gleichgeschalteter, die anhand von Kleidungsstücken Geschichten austauschen und dadurch unmittelbar den eigenen Familienhorizont erweitern. Denn was hätten Sie getan, wenn Sie von einer namensgleichen Person einen Brief mit der Bitte um Übermittlung eines Kleidungsstückes aus einem persönlich wichtigen Lebensabschnitt bekommen hätten - noch dazu mit einem beigefügten Empfehlungsschreiben vom deutschen Staatsminister für Kultur? Die Einbringung von Angela Dorrer selbst als Kunstfigur und Bindeglied in diesem Szenario trägt Wesentliches zur Genese des Projektes bei, das sie vermutlich auch mit einem anderen Namen hätte durchführen können, aber auf einer weniger erfolgreichen und bedeutungsverschobenen Identitätsachse. So erwirkte die Künstlerin, dass ihr zahlreiche der angeschriebenen Dorrers Kleidungsstücke mit teilweise sehr persönlichen Notizen zukommen ließen, die ebenso unverblümt über Freud, Leid und Schmerz berichteten, ohne die Adressatin jedoch selbst zu kennen.

Als Resultat dieses mehrjährigen Prozesses entstanden Geschichten, die zusammen jenes Geflecht ergeben, das nach dem Vorbild des amerikanischen Quilts ein Netzwerk an Verkettungen und Verknüpfungen entstehen lässt. Auch wenn die gemeinsame Identität im Namen Dorrer liegt, lassen sich hier doch sehr unterschiedliche Geschichten herausfiltern, die auf dem Grundsatz der Differenz beruhen, sobald sie einmal die dominante Identitätsebene verlassen haben. Die im postmodernen Diskurs vorherrschende Differenzhypothese bzw. Theorie der "otherness" (des "Andersseins") soll hierbei jedoch nicht bloß als simpler Gegensatz zur dominanten Realität verstanden werden. Oftmals handelt es sich subversive, in den herrschenden Diskurs eingebettete Narrative, die einander bedingen und nur in ihrer Gesamtheit als identitätsstiftende Komponenten auftreten können. Jacques Derrida betont daher in seinem Konzept der différance die Simultaneität von Gleichheit und Differenz als notwendiges Wechselspiel jeglicher Identitätsbildung. Die Abgrenzung von kollektiven Identitätsmustern führt schließlich zur Bildung von kultureller Hybridität, jener Individualform an Identität, die im Brennpunkt unterschiedlicher Einflusszonen steht. Die Lebenserfahrungen der einzelnen Mitglieder implizieren mehrfachcodierte Formen des "Selbst", das letztendlich durch seine Fragmentierung auf die Komplexität von Beziehungsgeflechten verweist, die als Puzzlesteine in Angela Dorrers Familysculptureprojekt zusammengefügt werden. Anstelle einer simplen Familienzusammenführung handelt es sich hier um eine mehrschichtige Familienrekonstruktion, die auch Aufschluss über das Migrationsverhalten der einzelnen Dorrers gibt und als Dorrer-Komplex an einem Abend durch Kleidungsverhalten, persönliche Interaktionsbestrebungen und Eventkultur erfahrbar gemacht wurde.

aus: Catalogue “Familysculpture Karaoke im Gasthof Dorrer”, 56 p., colour, essay of Walter Seidl, published by Verlag FORUM STADTPARK GRAZ, Austria 2003

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