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Stefan Lindl

Belassen und verschwinden: UCD – United Collection of Dorrer, Interview


Die Künstlerin Angela Dorrer machte ihren Nachnamen zum Mittelpunkt eines Kunstprojekts: UCD – United Collection of Dorrer. UCD ist ein fiktives Modelabel, das seine Kollektion durch Kleiderspenden aus aller Welt erstellt. Die Künstlerin schrieb die über den Planeten verstreut wohnenden Dorrers in Japan, USA, Canada, Frankreich, Österreich, Deutschland, et cetera an und bat sie um ein Kleidungsstück mit der dazugehörigen Geschichte. Sie erwartete nicht viel: alte, gebrauchte, abgetragene Kleidungsstücke, die dann zu einer familysculpture verschmelzen sollten. So lautete ihr Plan. Doch es kam anders: In den Postsendungen fand sie nicht einfach irgendwelche abgetragenen, überflüssigen Kleidungstücke. Sie waren für die einstigen Träger bedeutende Hüllen, behaftet mit vielen persönlichen Erinnerungen an herausragende Lebensabschnitte oder Ereignisse. Alle Kleidungsstücke wirken durch die erläuternden Geschichten höchst auratisch. Ehrfürchtig steht der Betrachter vor dieser Kollektion bedeutsamer Hüllen der Dorrers, die Repräsentanten einer verstreuten Namensfamilie. Die Kollektion wurde in Amstetten bei Wien im ersten UCD-Geschäft gezeigt. Nicht zufällig wurde der Ort Amstetten gewählt. Dort gibt es die höchste Dorrer-Dichte dieser Welt. Dorrers um und aus Amstetten waren es auch, die auf einem Catwalk die United Collection of Dorrer vorführten.

In einem e-mail-Interview äußert sich Angela Dorrer, wie es zur nackten Gestaltung kam, obwohl die Künstlerin anfangs gar nicht nackt gestalten wollte.

St.L.: Welche Vorstellungen und Erwartungen hattest du, bevor du die ersten Postsendungen bekamst? Was glaubtest du, aus den Kleidersendungen zu machen?

A.D.: Anfangs plante ich, die Kleider zu zertrennen und mit den Stoff- Fragmenten frei zu agieren, z. B. daraus skulpturale Quilt- Objekte oder etwas Ähnliches herzustellen. Genau das hatte ich auch den Dorrers in meinem Ursprungsbrief geschrieben. Ich erinnere mich daran, im Atelier Probeobjekte gebaut und Stoffe verspannt zu haben. Auch hatte ich geplant, den beteiligten Dorrers einen Dorrer-Miniatur-Quilt in retour zu senden, zusammengesetzt aus kleinen Stoff-Partikeln, in denen quasi die Dorrer-Stoffe wie eine Art Essenz enthalten sein würden.

St.L.: Was passierte dann? Was geschah, als nicht irgendwelche abgetragenen Kleider bei Dir ankamen, sondern für die einzelnen Dorrers sehr wichtige, höchst persönliche Hüllen, die bedeutende Zeitabschnitte oder einschneidende Erlebnisse repräsentierten?

A.D.: Zwei Tage nachdem ich die Briefe versandt hatte, landeten die ersten Pakete vor meiner Tür mit Kleidungsstücken. Was mich erstaunte war, dass jede/r Dorrer sich ganz bewusst für ein ganz bestimmtes Kleidungsstück entschieden hatte, das ihn bzw. sie während einer identitätsstiftenden Lebensphase begleitetet hatte. So wie eine Schlange sich häutet oder man sagt, dass die menschliche Haut sich alle sieben Jahre erneuert, so bekam ich Identitätshüllen einer gern und intensiv gelebten, jedoch „abgelebten“ Zeit. Beispielsweise erhielt ich Stücke, mit denen melancholisch die glückliche Kindheit benannt wird (Gregory Brian Dorrer) oder die Lieblings-Hippie-Bluse der Teenager-Zeit (Evelyn Dorrer), das erste farbige Kleidungsstück nach dem Tod des Mannes (Alice Dorrer) oder die silberne Krawatte, in der vor 50 Jahren ein Jean Dorrer geheiratet hatte. Ich merkte auch, dass einige Dorrers in mich so etwas wie eine wiedergefundene Kusine projizierten. Je mehr Kleidungsstücke sich bei mir ansammelten, desto unmöglicher wurde es mir, sie zu zerstückeln. Die Stücke waren Objekte, abgeschlossen, voll von Geschichte, jedes einzelne, geformt und getränkt mit dem Leben einer Person. Sie wirkten auf mich wie ein Ausschnitt aus dem Register aller menschlichen Momente, Phasen und Emotionen, die das menschliche Leben mit sich bringt. Ihre Hilflosigkeit und Kraft berührten mich tief.

St.L.: Du konntest also nicht gestalterisch tätig werden, weil diese Kleidungsstücke eine Aura hatten? Sie waren so stark, daß du glaubtest, sie nicht antasten zu dürfen?

A.D.: Es war mir nicht möglich, den ursprünglichen Plan des Projektes durchzuführen – bis jetzt nicht, vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt. Die Fragmentierung der einzelnen Kleidungsstücke wäre für mich gleichbedeutend gewesen mit einer respektlosen Behandlung, gleichkommend einer körperlichen Verletzung der Personen, die mir Teile ihres Lebens dargeboten hatten. Ich konnte an die Kleider nicht Hand anlegen, denn sie wären für immer zerstört gewesen. Ich spürte die Notwendigkeit, die Objekte und die Geschichten wirken zu lassen und ihnen ihren Raum zuzugestehen.

S. 87-89 aus: „Nacktes Gestalten: Achten und ehren – United Collection of Dorrer“, Stefan Lindl in: Nackt, Gestalten des Gestaltens I, Passagen Verlag, Vienna, Austria 2005

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