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Angela Dorrer

ÜBER FAMILYSCULPTURE

Vor einiger Zeit fuhr ich nach Neunburg vor dem Walde am Bayerischen Wald unnahe der tschechischen Grenze, der Ort aus dem angeblich ein Teil meiner Vorfahren stammt. Dort fand ich ein Schild, das einzige, im Schlossberg versenkt, auf dem eingraviert steht: "Zum Gedenken an Georg Dorrer, den Maler, Musiker und Dichter, der 1954 unter großen Leiden verstarb." Ich fragt mich, wie das wohl ist, wenn sich die Wege eines Familienstammes verzweigen, wenn die einen das Land verlassen, die anderen daheim bleiben. Wie entwickeln sich verwandte Lebenswege unter ganz anderen Voraussetzungen? Gerade in jüngerer Zeit, in der man im Laufe seines Lebens mühelos vielen Gemeinschaften angehören kann, wird die Familie als die erste und unauflösbare Ur-Form von Community und Netzwerk interessant. Familienforscher sprechen von der Seele einer Familie, die sich über Generationen fortsetzt.

"Meine Hose habe ich während meines zweiten längeren Westafrika - Aufenthalts 1994 in Bobo Dioulasso, einer Stadt in Burkina FasonShen nähen lassen. Der Stoff ist natürlich handgebatikt. Diese Stadt ist berühmt für ihre Balaphon-Musik: ein Holzxylophon, das mit Trommelbegleitung bei Totenfeiern, Hochzeiten oder einfach nur in Bars (= Strohdach und Holzbank über Lehmboden), wo das lokale Hirsebier ausgeschenkt wird, gespielt wird. Mit dieser Hose bekleidet, habe ich viele Stunden bei solchen Anlässen verbracht, oder mich selbst zum Üben hingesetzt. (6)

Wenn man seinen Familiennamen, sofern er nicht allzu häufig ist, in eine Suchmaschine eingibt, bekommt man eine Ahnung davon, wohin auf der Welt Menschen seiner Sippe versprengt wurden. Auf der Internetseite von Ellis Island (http://www.ellisisland.org) kann man herausfinden, wer in welchem Jahr und auf welchem Schiff nach NY einwanderte. Ich suchte alle Personen meines Nachnamens, kontaktierte alle etwa 300 Dorrers, die international verzeichnet waren, und bat sie darum, mir ein Kleidungsstück zu schicken. Mittlerweile befinden sich über 80 Kleider aus Japan, Australien, Frankreich, Deutschland, Österreich und anderen Ländern in meinem Besitz. Ich war erstaunt über die Resonanz und darüber, derart viele e-mails, Briefe und Kleider aus der ganzen Welt von Menschen zu erhalten, die mich nicht kannten. Die Möglichkeit über Blutsbande miteinander verbunden zu sein, löste Vertrauen aus.

"Diese Bluse war das erste bunte Kleidungsstück, das ich nach dem Tod meines Mannes gekauft habe." (7)

Ich setzte ein familysculpture-Forum ins Internet für alle Dorrer-NamensträgerInnen (http://familysculpture.de). Innerhalb kurzer Zeit meldeten sich Dorrers aus allen Teilen der Welt zu Wort, knüpften Kontakt miteinander, erzählten ihre Geschichte und suchten gemeinsame Vorfahren. Die Kommunikation fand zweisprachig statt, es gab einen Übersetzer und ich übernahm die Funktion des Moderators. Als nächstes lud ich alle Dorrers nach München zur ersten Familienreunion in die familysculpture-lounge ein. Etwa 18 Dorrers aus unterschiedlichen Familienzweigen und Ländern, die sich noch nie vorher begegnet waren, reisten an und trafen sich im Dorrer-Archiv. Per Webcam schalteten sich andere Dorrers virtuell hinzu. Seitdem erhalte ich immer wieder Anrufe von Dorrers, die gerade auf der Durchreise sind und noch an der familysculpture teilnehmen, oder einfach mehr über mich und die Dorrers erfahren möchten.

Ich nehme in dem Projekt die Rolle einer "Sippen-Schnittstelle" ein, wobei mir nicht ganz klar ist, ob die Dorrers eine Ausdehnung von mir darstellen oder ob ich eine Verlängerung deren Identität bin. Meine Funktion ist impulsgebend und steuernd, wie ich ebenso mal mehr, mal weniger Teil des inszenierten Bildes werde.

"Diese Mütze gehört Andrew, unserem Jüngsten. Er hat damit immer sein Gesicht bedeckt, wenn wir mit dem Schneemobil unterwegs waren. Er hatte sie auch viele Jahre lang und hat sie von Erik, seinem älteren Bruder erhalten." (8)

In den USA gibt es die Sitte des "clothes-swapping": Man trifft sich mit Freunden und tauscht Kleidungsstücke, die man nicht mehr anzieht. Dabei wird jeweils die Geschichte desjenigen Kleidungsstücks erzählt, das gerade aus dem Haufen herausgezogen und anprobiert wird. Woher man ein Kleidungsstück hat, die Beschaffenheit des Stoffs oder was man daran mag, transportiert vieles über die Identität des Besitzers. Stoff gilt als Hülle des Körpers, als zweite Haut. Kleidungsstücke übernehmen nach einer Weile nicht selten sogar die Körperform des Trägers. Man kann sich vorstellen, dass Kleidungsstücke, die besonders gern getragen wurden, "sich aufladen" mit der Persönlichkeit des Besitzers.

"Ich war happy dieses T-Shirt gefunden zu haben, weil es so genau wiedergibt, wo ich damals stand als ich Zuhause verließ: Ich war Teil der "Anti-Kriegs" Leute… protestierte gegen einen Militärindustriekomplex, das war so mein Ding damals… zu dieser Zeit hab ich dann auch das T-Shirt drucken lassen… Alles in allem war dieses T-Shirt Zeuge einer Wahnsinns-Zeit meiner Vergangenheit, und ich hab`s ziemlich gerne gemocht…" (9)

In Altar-ähnlichen Situationen installiere ich die Kleider von Dorrers zusammen mit Videos, Fotos und Briefen. Als Inspiration dienten unterschiedliche Traditionen der Ahnenverehrung: In vielen ländlichen Gebieten, teils auch in den Alpenregionen, gibt es heute oft noch sogenannte Ahnen-Altäre, mittels derer den Vorfahren Respekt erwiesen wird. In der Mongolei gibt es in vielen Familien Altäre mit Ahnenpuppen, die mit Wodka beträufelt werden, bevor man gemeinsam feiert. Vodoo-Rituale in Haiti beschwören mit Fotos, Gegenständen und Geschenken die Ahnen, die kollektiv angelockt und um Rat gefragt werden.

Ich stellte fest, dass alle Kleider, die Dorrers mir schickten, stellvertretend stehen für ganz bestimmte Lebensphasen, die exemplarisch übertragbar sind auf das Leben der meisten Menschen, z.B. Empfindungen im Zusammenhang mit Kindheit, Jugend, Liebe, Freunde, Trauer, beruflicher Erfolg.

"Eine Lieblingsstück aus meiner `Freak-Zeit`." (10)

Ich begann die Dorrer-Kleider selbst zu tragen. Da ich die Geschichten kannte, wurde ich Teil eines größeren Gesamtzusammenhanges oder Netzwerkes. Wie bei den Tausch-Botschaften aus den Cookieboxen, untersuche ich die Möglichkeit, das Gedächtnisfeld einer Vielzahl oder einer Gruppe von Menschen zu aktivieren. Es geht mir nicht darum, meine Familiengenealogie zu rekonstruieren, sondern exemplarisch meine Familie herauszugreifen und daran Aussagen über das Wesen der Menschen zu machen.

"Douglas war beim Luftwaffen Reservekommando in letzter Zeit und davor im aktiven Dienst für lange Jahre. Er hat keinen Sohn, dem er die Uniformjacke weiterreichen könnte, so beschloss er sie der Familien-Skulptur zu stiften, behängt mit all den Auszeichnungen, die er beim Militär bekam. Von Rang ist er "Technical Sergeant" (soviel wie Offizier im techn. Dienst), was an den Streifen am Ärmel zu erkennen ist. Er denkt, dass die Jacke so einen Ehrenplatz in der Geschichte der Dorrers bekommt. Es wird eine tolle Geschichte zum weitererzählen sein." (11)

Im Grazer Telefonbuch entdeckte ich einen Gasthof Dorrer und realisierte dort familysculpture-karaoke, eine Installation und Aktion: Alle Dorrer-Kleider wurden zusammen mit ihren Geschichten in dem idyllischen Ausflugsgasthof ausgestellt. Jeder, der wollte, konnte zum Model für einen kurzen Augenblick werden und Teile der Dorrer-Kollektion vorführen. Es reisten Dorrers aus Deutschland und Österreich an. Die Dorrer-Wirte hatten für den Abend ein dreigängiges "Dorrer-Menue" entworfen und als Desert den Gasthof aus Sachertorte und Marzipan nachbauen lassen. Alle Models bekamen Freigetränke. Eine Jury wählte Miss und Mister Dorrer, die ein Menue und eine Nacht im Dorrer-Gasthof gewannen. Über das Tragen der Kleider wurde ein imaginäres Netzwerk mit den TeilnehmerInnen geschaffen, die nicht anwesend waren. Es entstand ein ganz eigenes Bild, das unter- und oberflächliche Ebenen gleichermaßen einschloss, und die Fashion-Show mit persönlicher Familienhistorie verknüpfte. Der Gasthof wurde für die Dauer eines Abends die Bühne, auf der die Dorrer-Wirte, die anderen Dorrers und die Stammtisch-Gäste zu Figuren im Schauspiel einer offenen Familienzusammenkunft wurden.

"Ich habe dieses Shirt von meinen Eltern bekommen, als sie mit mir zum ersten Mal ins Disneyland nach Florida gefahren sind. Ich habe es aufgehoben, weil es mich an eine glückliche Zeit in meiner Kindheit erinnert. Ich habe es getragen, bis es nicht mehr passte, aber habe es einfach nie weggegeben. Ich bin seitdem oft in Disneyland gewesen, aber ich denke für ein Kind ist doch der erste Besuch der aufregendste. Es erinnert mich auch an die schönen Zeiten, die meine Geschwister und ich erlebten, als wir noch Kinder waren." (13)


Anmerkungen:

(5) Interview von Doris von Drathen mit Christian Boltanski, "Christian Boltanski: Inventar" Katalog zur Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle 19991, Hrsg. Uwe M. Schneede, S. 64
(6) Crystov Dorrer, Berlin/Deutschland über seine "Grünblaugestreifte Batikhose"
(7) Alice Dorrer, Will/Schweiz über ihre "Rosa Bluse"
(8) Sue Dorrer, Fort Edward/New York/USA, über die "Rote Mütze von Andrew Dorrer"
(9) Nick Dorrer, Kingswood/Australien, über sein "Handbedrucktes T-Shirt"
(10) Eveline Stingel, geb. Dorrer, Stettfurt/Schweiz über das Kleid mit goldener Passe
(11) Susi Dorrer, Clarksburg/West Virginia/USA über die "Militärjacke von Douglas Raymond Dorrer aus USA"
(12) Gregory Brian Dorrer aus USA über sein "Disneyland-Sweatshirt"



aus: "Sammeln (Reihe: Museum zum Quadrat 18), 151 p. ,
EUR 15,-, Verlag Turia + Kant, Hg: Karl Stocker / Wolfgang Muchitsch, Joanneum Graz / Austria, 2006
ISBN 3-85132-467-6


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