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Patricia Drück

PEM – PERSONAL_EVENT_MANAGMENT

NETZWERK DER WÜNSCHE

Eine neue Form der zwischenmenschlichen Kommunikation hat sich in der Messestadt Riem im Münchner Osten mit PEM – Personal_Event_Management etabliert. Mit der Parole „Schenken Sie einen Tag“ fordert Angela Dorrer die Bewohner der Messestadt zur Teilnahme auf: Beim Stadtteilfest am 30. Juni 2001 überreicht die Künstlerin den dortigen Bewohnern sechs PEM-Koffer. In ausgiebiger Recherche und Gesprächen hat sie zuvor Privatpersonen und Gruppen oder Vereinigungen ausfindig gemacht, die Teil der Sozialstruktur des neu entstandenen Stadtteils sind. Diese haben ein von ihnen bestimmtes „Kofferkomitee“ eingesetzt, das die in verschiedenen Gemeinschaftseinrichtungen hinterlegten Koffer betreut. Jeder einzelne dieser leuchtend roten, mit einem PEM-Logo geschmückten Koffer enthält Utensilien und Anleitungen zur individüllen Gestaltung eines Tages. Ein Bewohner arrangiert quasi in der Funktion eines „Managers“ und mithilfe von Handlungsanweisungen der Künstlerin einen „PEM-Day“ für einen von ihm ausgewählten Kandidaten. Einzige Bedingung: Einer der beiden muss in dem neu entstandenen Stadtviertel wohnen. Durch diese ungewöhnliche Art der „Dienstleistung“ soll für die betreffende Person der PEM-Tag zum „Optimaltag“ werden. Die Künstlerin begeisterte die Bewohner der Messestadt für diese neü Art des Freundschaftsdienstes durch ihr Versprechen einer „Zeit, in der Sie intensiv und sorgenfrei leben, in der Sie tun, was Sie schon lange tun wollten“. Die gesammelten Reaktion der Kandidaten bestätigen dies: „Es ist wunderbar, sich einen ganzen Tag lang nur überraschen zu lassen und sich um nichts kümmern zu müssen!“ Die Grundlage für den Entwurf einer stimmigen Gesamtchoreografie bildet der Aktionskoffer, der eine Polaroidkamera zur Dokumentation, einen Stadtführer für die Planung, eine Utensilienbox und Instruktionen zur individüllen Tagesgestaltung enthält. Die genaü Anleitung zur Gestaltung des Tages findet der Manager in der PEM-Fibel. Sie nennt unter anderem fünf von der Künstlerin vorab festgelegte Module, die der Manager in die Planung des Tages integrieren sollte: 1. Unterhaltung wie zum Beispiel Kino oder Konzert, 2. eine Lieblingsspeise des Kandidaten, 3. eine ganz besondere Atmosphäre, 4. etwas Neüs, das der Kandidat schon immer erleben wollte, und 5. die Verknüpfung mit einer Erinnerung, etwa aus Kindheit oder Jugend des Kandidaten. Die fünf Module bilden die „Spielregeln“ des „PEM-Days“ und geben ein mehr oder weniger festes Schema vor, wobei auch Module miteinander kombiniert werden können. Der PEM-Koffer enthält ferner einen PEM-Block, in dem Manager und Kandidat Stationen des Tages in Form von Zeichnungen, Polaroidfotos, Eintrittskarten etc. festhalten können. Dokumentiert sind bislang über zwanzig einzigartige Tagesabläufe, und die Dokumentationen zeugen davon, dass den ausgewählten Personen lang gehegte Wünsche erfüllt wurden oder sie sich einfach nur schöne Stunden machten. PEM thematisiert auf ironische Weise eine neü Form des zwischenmenschlichen Dienstes in einer hemmungslosen Freizeit- und Konsumgesellschaft: Durch den Einsatz eines „Managers“ wird die Gestaltung der knappen freien Zeit buchstäblich als Marke PEM optimiert. Die Handlungsmodule verhelfen zu einer besonderen Tageschoreografie und schaffen trotz vorgegebenen Schemas sehr persönliche Situationen für die Ortsansässigen. Dabei erweist sich die Rolle der Künstlerin als vielgestaltig: Sie ist zugleich Coach und Impulsgeberin für Kommunikation, Event- und Erlebnismanagerin, Motivationstrainerin und Moderatorin. Vor dem Hintergrund des neu entstehenden Stadtteils wird hier eine Kommunikationsstruktur geschaffen für den Dialog zwischen unterschiedlichsten Einwohnergruppen. Diese kommen durch PEM als Teil der kunstprojekte_riem mit dem Kontext Kunst in Berührung.

SPIELE UND RITUALE

„Im Ritual wird ein Stück Verhalten oder Interaktion, ein bestimmter Aspekt des sozialen Lebens, ein Moment in der Zeit ausgewählt, fixiert und ihm bestimmte Aufmerksamkeit geschenkt.“ Angela Dorrer bezieht sie sich mit ihrer Arbeit PEM auf das Spiel als grundlegendes Element unserer Kultur, das seit Johan Huizingas Homo Ludens, 1938, definiert ist als freie und abgeschlossene Handlung, die sich innerhalb einer eigens bestimmten Zeit und eines eigens bestimmten Raumes vollzieht, die nach bestimmten, wiederholbaren Regeln verläuft, zur Sozialisierung der Lebewesen beiträgt und Gemeinschaftsverbände ins Leben ruft. Das Private, die Kreativität der Messestadtbewohner wird durch besondere „Spielregeln“ zum interaktiven öffentlichen Kunstritual, das sich letztlich von der Autorenschaft der Künstlerin emanzipiert. Der „PEM-Day“ als identitätsstiftendes Ereignis wird als eine Serie individüller Performances und deren Relikte im Internet sowie im Realraum in den Gemeinschaftseinrichtungen präsentiert und somit zur öffentlich verfügbaren Geschichte des Stadtteils. Die Messestadtbewohner selbst erschaffen eine immaterielle soziale Skulptur. Die Regeln zur Gestaltung des „PEM-Days“ und die gewählte Form und Sprache assoziieren die Form von Spielanleitungen und Lebenshilfe-Büchern. Viel mehr noch als das Spiel scheint für PEM jedoch das Ritual von Bedeutung zu sein, das als symbolische Handlung und soziale Praxis grundlegende Bedürfnisse befriedigt, soziale Wirklichkeit bestätigt und konstruiert: Im „Spiel der Zeichen“ wird Kultur lesbar. In Religion oder Politik werden Rituale dazu eingesetzt, Kommunikation und Gedächtnis einer Kultur zu stabilisieren, Menschen eine Gruppensolidarität und -identität zu geben. Die Gesellschaft als Ort der ritualisierten Sinngebung hat sich jedoch weit gehend aufgelöst in anonymisierte Individün. Die Suche nach Sinn, Halt und Orientierung in diversen virtüllen, realen und spiritüllen Gemeinschaften gewinnt daher wieder vermehrt an Bedeutung. Mit diesen Phänomenen setzt sich Angela Dorrer auseinander, indem sie ihre künstlerischen Arbeiten als ritülle Energieträger mit katalysatorischer Wirkung einsetzt. Sie standardisiert ein Ritual aber nicht in seinem ursprünglichen Sinn, sondern macht es in Abwandlungen wiederholbar und erlebbar, um einer ihrer Hauptinteressen Ausdruck zu verleihen: neü Formen der Kommunikation in Gang zu setzen. So beschäftigte sie sich beispielsweise in ihrer Arbeit Cookies mit dem Ritual des Essens. Seit 1998 veranstaltet sie so genannte „Kauparties“, bei denen Objekte aus Teig entstehen, die von den Anwesenden im Mund geformt, anschließend gebacken und gegessen werden. Der „Cookie“ ist hier eine Metapher für Kommunikation und die individüll gewählte Überschreitung von Grenzen. Die Künstlerin spielt zudem auf die Analogie des Begriffs „Cookie“ in der Computersprache an. Dort bezeichnet er kleine Datenskripte, die den Computer des Benutzers unbemerkt infiltrieren und Informationen transportieren. Auch Angela Dorrer speist ihre Arbeiten ins Internet ein, die mundgeformten „Cookies“ der Künstlerin sind über ihre Website bestellbar und werden auf Wunsch zugeschickt. Den Gedanken des Künstlers als Dienstleister aufgreifend, erweitert sie auf diese Weise auch die Zahl der Partizipierenden. Die von der Künstlerin motivierten Performances tendieren generell zu einer Form des künstlerischen Ausdrucks, die das physische, geradezu paradigmatische Handeln gegenüber dem materiellen Prozess und der Produktion von Gegenständen an Bedeutung gewinnen lässt. Die Wurzeln liegen im Fluxus und der Aktionskunst, die sich zum Ziel setzten, die Gegensätze zwischen Subjekt und Objekt, Kunstwerk und Umwelt, zwischen Kunstschaffendem und Betrachtendem zu überwinden.

KUNST UND KOFFER

Seit der Boîte-en-Valise, dem von 1935 an im Koffer komprimierten Museum von Marcel Duchamp, sind Versuche präsent, Kunstgegenständen, die ihren Transport, Ortswechsel oder Übergangscharakter thematisieren, ästhetische Form zu verleihen. Sie eröffnen eine Möglichkeit, diese in übertragbare komplexe Informationen zu verwandeln. Im Fall von PEM wird das transportable Objekt, der PEM-Koffer, zur Grundausstattung des flexiblen und mobilen, zum Nomaden gewordenen Künstlers. Als Objekt ist der Koffer zunächst Stellvertreter einer Idee oder Transporteur eines neün Gedankens, um Kommunikationsstrukturen zu inszenieren und zu analysieren. Auch für das seit 1994 aus einer Bürgerinitiative entstandene partizipatorische Projekt Park Fiction in Hamburg, das 2002 auf der Documenta11 vorgestellt wurde, spielt der mobile Planungskoffer als „Action Kit“ eine bedeutende Rolle. Durch die im Koffer enthaltenen Fragebögen und Pläne zum Ausfüllen wurden kollektive Prozesse beschleunigt, die von den individüllen Sehnsüchten und Wünschen der Anwohner für einen gemeinsam entworfenen Park zeugten. Während der Koffer hier mehr als funktionales Mittel der Moderation zu sehen ist, setzt er bei PEM als künstlerisches Instrument durch die Wechselwirkung von aktiver Teilnahme der Bewohner und speziell ausgeklügelten, von der Künstlerin aufgestellten Regeln einen unkontrollierbaren Prozess in Gang, der sich verselbstständigt, Kommunikation und Vernetzungen erzeugt.

VON MOBILEN PLATTFORMEN UND HANDLUNGSANWEISUNGEN

Die unterschiedlichen Formen zwischenmenschlicher Beziehungen und die Bildung von Netzwerken sind immer wiederkehrendes Thema der Arbeiten von Angela Dorrer. Mit interdisziplinären Methoden untersucht sie, wie Gemeinschaft gestaltet oder inszeniert wird, indem sie mit verschiedenen „Communitys“ interagiert. Eine „Community“ definiert sie selbst als „eine Gemeinschaft von Menschen, die sich aus gleichen oder ähnlichen Motiven zusammengefunden haben“. Beispielhaft dafür ist die zugleich im virtüllen und im realen Raum 2001 entstandene Arbeit familysculpture, die sich mit der Familie als „Ur-Community“ beschäftigt. Unabhängig von ihrem realen Aufenthaltsort recherchierte Angela Dorrer über das Internet weltweit Träger ihres Familiennamens und forderte diese auf, ihr Kleidungsstücke mit einer persönlichen Geschichte zu schicken. Schließlich ließ sie die Beteiligten auf verschiedenen Wegen, über Internetforen und Familienreunionen im Realraum, miteinander kommunizieren. Die ständig wachsenden und sich verändernden Relikte dieser Kommunikation wurden im Ausstellungsraum in digitalisierter und skulpturaler Form präsent. Wie bei PEM wurden auch sie als eine Art Archiv im Internet öffentlich zugänglich gemacht. Nicht zuletzt werden in den Interaktionen der Künstlerin die Kategorien „öffentlich“ und „privat“ obsolet, wird die Frage nach dem öffentlichen Raum jenseits von institutionellen Strukturen thematisiert. Ein weiteres Beispiel für die kommunikationsfördernde Coaching-Rolle der Künstlerin ist ihre Tätigkeit im Team der „Program Angels“ für den laden der lothringer13 in München, einen Ausstellungsraum für mediale Experimente. In dieser Eigenschaft etabliert sie fortlaufend an wechselnden Orten Kommunikationsplattformen für eine Vielzahl von Veranstaltungen wie Ausstellungen, Vorträge und interaktive Performances. Die künstlerische Arbeit von Angela Dorrer kreist neben der Untersuchung und Schaffung von Kommunikationsstrukturen auch um das im Zuge globaler und medialer Faktoren veränderte Feld des individüllen Handelns einer Person. Der Begriff der Handlungsanweisung ist in der Kunst vor allem in Zusammenhang mit Fluxus oder durch Ausstellungen wie „Art by Telephone“ 1969 im Museum of Contemporary Art in Chicago, bei der die Ausstellungsbeiträge den Ausführenden telefonisch übermittelt wurden, bedeutsam geworden. Im Gegensatz zum eingefrorenen Objekt in der Vitrine des Museums etablierte sich hier ein fluider Begriff des klassischen Readymades, wie er von Marcel Duchamp ins Spiel gebracht wurde. Bei Angela Dorrer verbindet sich dieser Begriff mit Anleihen bei anderen Disziplinen wie Psychologie oder strategischem Management, die zum Inszenieren einer Idee bis zu deren Verselbstständigung führen und die Funktion der „Handlungsanweisenden“ neu definieren, ganz im Sinne derer, die Autorenschaft für eine ideologische Illusion halten: „Die individülle Autorenschaft manifestiert sich heute nicht so sehr im Schaffen originell aussehender Dinge als vielmehr in der Übernahme der Verantwortung für ihre weitere Existenz und Verwendung.“ Zunehmend übernimmt der Künstler nicht nur Gegenstände der Außenwelt, sondern auch unterschiedliche soziale Rollen: als Coach, Moderator, Kritiker und so weiter. Die Übernahme fremder Rollen bedeutet die Autorisierung dieser Rollen, im Sinne einer Übernahme der individüllen Verantwortung und Autorenschaft für gesellschaftliche Praktiken. Das institutionalisierte Kunstsystem bietet eine Bühne, auf der solche gesellschaftlichen Praktiken erneut als auktoriale inszeniert werden können. Als Künstlerin wird Angela Dorrer von der Produzentin zur Mediatorin, die nur mehr die Aufforderung zu Entscheidungen erteilt und traditionelle künstlerische Ansprüche die vollständige Beherrschung und Bestimmung des eigenen Werks betreffend abbaut. Das Endresultat ist nicht mehr ein Produkt, das einen Wert hat, weil es künstlerisch produziert wurde, sondern weil es eine bestimmte Verwendung der Dinge dokumentiert – im Rahmen einer individüllen ästhetischen Praxis. Auch bei PEM ist Angela Dorrer einmal mehr Vermittlerin zwischen verschiedenen Öffentlichkeiten, verbindet verschiedene Bereiche des öffentlichen und des privaten Lebens miteinander, verkoppelt Produktions- und Lebenstechniken so, dass die Arbeit zum Katalysator wird, um die sich eine spezifische Öffentlichkeit kristallisiert.

Aufsatz von Patricia Drück über Angela Dorrer in “Öffentliche Kunst für einen Münchener Stadtteil“ Landeshauptstadt München, Büttner, C. (Hrsg.), kunstprojekte_riem, Springer-Verlag Wien 2004, Text: deutsch/englisch. 280 Seiten