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Angela Dorrer

ÜBER COOKIES

"Erst Skepsis, dann Interesse. Als Keks: normal. Im Mund: bisschen Widerwillen. Dann: Kunst!" (1)

Teig wird im Mund geformt, gebacken und anschließend als Keks zum Essen angeboten. Zähne, Zunge und Lippen kommen zum Einsatz wie Hammer und Meißel des Bildhauers. Der Vorgang wird nicht visuell gelenkt, sondern sinnlich, mit Hilfe des Tast- und Geschmackssinns und der Vorstellungskraft. Im Gegensatz zur traditionellen Skulptur, die das Äußere eines menschlichen Körpers in unvergänglichem Material wiedergibt, stellen die Kekse die Hohl- und Negativräume eines menschlichen Körpers dar. Sie sind fragil und vergänglich und lösen sich auf in privater Interaktion mit dem Betrachter bzw. Konsumenten.

"Der Beigeschmack eines süßen Kusses mit einer Unbekannten." (1)

Im Zusammenhang mit den mundgeformten Keksen beschäftigt mich die Verbindung zwischen Eucharistie und Kannibalismus, Bilder des Verteilens, Verschlingens und Versöhnens. "The tie between the multiplication of loaves and the Eucharist is well known. It is established by another of Christ`s statements, bringing together body and bread, `This is my body`. By surrepticiously mingling the theme of devouring with that of satiating that narrative is a way of taming cannibalsim." (2) Und wenn Christus seinen Körper zum Essen verteilt - wer ist Sieger und wer ist der Besiegte - derjenige, der isst oder der gegessen wird? "To incorporate the alien in these instances is to admit poison into the body: The dualism of eater/eaten is not transcended or sublimated by internalization, but perpetuated. In such instances to eat the Father is the same as to be eaten by him: the complement of Freud`s Myth is that of Saturn devouring his children." (3)

"Erst hab ich diesen Minikuchen halb gegessen, dann hab ich auf dem Zettel geschaut und - Igitt! "Die Teile sind ja mundgeformt!" habe ich zu meiner Mutter gesagt. "Und noch dazu von einer Studentin" sagte mein Mutter dazu. Daniel" (1)

In Cookieboxen werden Kekse, die ich in meinem Mund formte, zum Essen angeboten im Tausch gegen persönliche Kommentare über die essbaren Objekte. Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich und rangieren zwischen großer Intimität und Offenheit oder auch Verunsicherung und Ablehnung. Ich archiviere die Kommentare und stelle sie in Ausstellungen und im Internet aus. Die Kekse funktionieren in dem Zusammenhang als Impulsgeber und Projektionsfläche. In gewisser Weise ist es so, als ob ich mein eigenes Spiegelbild drehe, und es in vielen Facetten gebrochen zurückkehrt. Zeitweise übernahmen diese privaten Gefühls- und Glücksmomente fast die Funktion meiner Kommunikation mit der Außenwelt. Ich hatte plötzlich den Eindruck, Zugriff auf die Empfindungen und Erlebnisse anderer Menschen zu haben. Die Kekse werden zum Auslöser eines Bildes oder Feldes, das sich auf mich rücküberträgt. Das wiederum geöffnete Feld soll eine größtmögliche Spannbreite an Realitäten abstecken. Ich frage mich, ob es möglich ist, eine allgemeinere Bewusstheit aufzuspüren und damit eine Art "shifting memory" zu erzeugen? Kann ich das Erfahrungsfeld einer Vielzahl von Menschen auf eine oder mehrere Personen übertragen?

"Das Angebot ist dermaßen grauslig, ich kann sie nicht essen. Aber meine Tante hat richtig zugelangt (Kriegsgeneration). Gut riechen tun sie ja." (1)

Kauparties sind ritualisierte Aktionen, bei denen essbare Skulpturen produziert und konsumiert werden. Die Anwesenden nehmen sich ein Stück Teig, formen es im oder mit dem Mund und legen das geformte Objekt auf ein Pergamentpapier. Das Papier wird signiert, um die Kekse später identifizieren zu können. Nach dem Backen werden die Kekse zum Essen angeboten und verteilt. Im Laufe jeder Kauparty überlegen sich die TeilnehmerInnen, wessen Keks sie essen werden, beispielsweise den des Partners, des Familienmitgliedes, des Nachbarn, des Fremden etc. und definieren ihre individuelle persönliche Grenze. Der plastische Prozess erweitert sich durch den Aspekt der Interaktion. Es entsteht ein imaginärer Austausch der Körperflüssigkeit Speichel. Die bunten Pergamentpapiere mit den Abdrücken und den Signaturen werden archiviert und in Installationen wieder verwendet.

"Ist ein primitiver Schmarrn, pervers ist nichts dagegen." (1)

Im Mittelalter wurde dem Speichel eine zauberkräftige Wirkung zuschrieben: "Der Speichel gehört zu den menschlichen Aussonderungen, mit denen allerlei Zauberei getrieben wird. Der Speichel mancher Personen hat eine besonders zauberkräftige Wirkung. Spuckt eine fremde Frau dem Kind in den Brei, so ist es behext (Schweiz). Wenn ein Mädchen einem ungetreuen Geliebten ins Gesicht spuckt, macht sie ihn allen Mädchen abscheulich (Böhmen). (…) In Schwaben ist es Lebensregel, jedweden Speichel wie etwas Giftiges zu meiden. Im Böhmerwald gilt der Speichel des Menschen als das stärkste Gift. Ebenso in Schwaben der Speichel wütiger zorniger Menschen oder eines wütigen Hundes, besonders aber der Speichel eines Menschen den man zu Tode gekitzelt hat. (…) Die Kraft des Speichels scheint besonders merkwürdig in der Erzählung der Edda, nach der die Asen und Vanen beim Friedensschluss gemeinsam ihren Speichel in ein Gefäß speien und aus diesem Speichel dann von den Göttern der weise Kvâsir geschaffen wird. Dabei mag die Vorstellung, dass der Speichel gleich dem Sperma sei, mitwirken." (4)

"Alle Menschen sind gleich. Im Grunde genommen. So sind auch alle Münder gleich. Ich habe an den Mund meines Bruders gedacht. Dein Mund, Jan`s Mund, mein Mund. Egal. Gleich. Und so ist auch was aus den Mündern kommt und in ihnen steckt bekannt." (1)

Ich bitte prominente Persönlichkeiten kleine, essbare Objekte aus Teig mit dem Mund zu formen, Promicookies: Bislang beteiligten sich unter anderem Pedro Almodovar, Ingo Appelt , Pierre Brice, Bazon Brock, Coolio, Alice Cooper, Doris Dörrie, Hannelore Elsner, Jan Hout, Thomas Hermanns, Helmuth Karasek, Kasper König, Nicole, Anna Nicole-Smith, Sunnyi Melles, Desiree Nosbusch, Sissy Perlinger, Ulf Poschardt, Jürgen Prochnow, Ilja Richter, Nina Ruge, Marianne Sägebrecht, Michael Schanze, Alfons Schuhbeck, Elisabeth Schweeger, Elke Sommer und andere. Der Keks, der im Mund der verehrten Person geformt wurde, wird zur Metapher für Sprache und zur zeitgemäßen Reliquie zugleich. Der Fan oder Kunstliebhaber entscheidet, ob das Objekt distanzierten Kultstatus behält oder ob der Genuss des Kunstwerkes zugleich dessen Einverleibung wie Zerstörung beinhaltet.

"Ich habe Deinen Einfluss gespürt, als ich den Keks gegessen habe, ich hatte ein starkes Gefühl von Erotik, ich habe voll den Ständer bekommen! Geiles Gefühl, irre!" (1)

Der Aspekt der Verführung spielt bei den Keksen eine Rolle, manchmal auch der Eindruck ein Tabu zu brechen. Ich fordere bewusst die Überprüfung der Erfahrung des Betrachters heraus. Es geht mir darum die Erinnerung an vergessene Empfindungen zu wecken. Dabei wirkt Christian Boltanskis Aussage "Kunst besteht zu ¾ aus den Gefühlen des Betrachters" (5) mit. Das Objekt löst sich im Körper des anderen Menschen auf. Das Moment der Auflösung hat für mich einen Bezug zum Verhältnis zwischen Barock und Rokoko: Die strengen, formalen Elemente des vorangegangenen Barock löst das Rokoko auf in Lichtstrahlen und bewegte Roccaille-Ornamentik. Im Indischen gibt es ein Märchen, in dem eine Göttin sich aus Liebe zum Leben zerteilte. Ihre Haare wurden zu Wäldern, ihre Adern und Tränen wurden zu Flüssen und Meeren.

"Ich nehme einen Keks. Ich finde ihn eklig!!! Ich werde ihn erst essen, wenn ich am Verdursten bin. Werde nun bis ans Ende meiner Tage etwas von Dir bei mir haben? Wie schön! Für uns beide! Wenn ich sterbe. Vor Hunger - der Kekse wird mich nicht retten können. Aber: Gewiss ist es ein Zauberkeks, der den Übergang gelingen lässt- Vielen Dank. Jörn" (1)


Anmerkungen:
(1) Kommentar aus der Cookiebox. Kommentar-Archiv
(2) Julia Kristeva, "Powers of Horror: An Essay on Abjection", New York, Columbia University Press 1982, S.118
(3) Maggie Kilgour," From Communion to Cannibalism, An Anatomy of Metaphors of Incorporation", Princeton University Press 1990, Princeton New Jersey, S.13
(4) "Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens". Hrsg. Eduard v. Hoffmann-Krayer und Hanns Bächtold-Stäubli, Berlin 1927-1942, Bd. 8 , S.150 – 153



aus: "Sammeln (Reihe: Museum zum Quadrat 18), 151 p. ,
EUR 15,-, Verlag Turia + Kant, Hg: Karl Stocker / Wolfgang Muchitsch, Joanneum Graz / Austria, 2006
ISBN 3-85132-467-6


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