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Texte / Texts
Elke Krasny, Marc Wrasse, Hannah Poppenwimmer, Michael Ondaatje, Bernadette Stummer

(d/en)




Hannah Poppenwimmer -> PORTRAIT: ANGELA DORRER - HANDSCAPES (d)


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Die performative Landschaftsmalerei von Angela Dorrer

Ein Text von Elke Krasny

Begegnungen zwischen Haut, Pinsel, Blick und Karte
Mit ihrem prozesshaften Projekt "Handscapes" arbeitet die Künstlerin Angela Dorrer als Landschaftsmalerin in fremden Händen. Sie wird zur Entdeckerin von Territorien, die es ohne ihren malenden Blick nie zu entdecken gäbe. In Handtellergröße wird der Hintergrund der Haut zum direkten Austragungsort der malenden Erforschung, des prozesshaften Experiments der auslotenden und entdeckenden Erkundung. Diese intensive Begegnung von Haut, Pinsel, Blick und Karte eröffnet eine kulturanalytische Perspektvierung auf politische und intellektuelle Konstellationen, die zwischen Landschaft und Malerei die Körper zur Erscheinung brachten.
Erinnert man sich an eine bestimmte Tradition der Landschaftsmaler, die als Auftragsarbeiter mit den großen Entdeckungsreisen in zu kolonalisierende Gefilde neuer Welten mit territorialen Expansiongelüsten aufbrachen, so ist deren Landschaft jenes Gebiet, das es für die anderen vermessend und besitzergreifend festzuhalten galt.
"Afrika irgendwie", schreibt Angela Dorrer in ihrem Reisetagebuch „Vom Reisen in fremden Händen“ am 24.10.2009.
Erinnert man sich an die Strategien dieser Landschaftsmalerei, so geht es um eine spezifische Form der Darstellung, die zum einen integraler Bestandteil der kolonialisierenden Unterwerfungsbegegnung mit dem Fremden war und zum anderen die Projektion des eingelernten westlichen Blicks auf die entdeckten auszubeutenden Territorien. "Seine Hand öffnete sich zum Meer", schreibt Angela Dorrer in ihrem Reisetagebuch „Vom Reisen in fremden Händen“ am 17.10.2009.

Heute sind diese gemalten Landschaften, die von Malern während der Entdeckungsfahrten gebannt wurden, nachzuschauendes Zeugnis des Machtgefälles und Eroberungsgestuses zwischen dem Hier und dem Dort. In dieser Expeditionsmalerei zeigten sich die Verquickungen von Macht und Malerei. Es ging um die ebenso kulturell wie politisch bedeutsamen Fragen der Darstellbarkeit und der in Besitz nehmenden Vermessung von Territorien.
"Die Hand wird zu Australien", schreibt Angela Dorrer in ihrem Reisetagebuch „Vom Reisen in fremden Händen“ am 24.03.2010.

In fremden Händen reisend
Dorrer spricht "Vom Reisen in fremden Händen." Im Moment der Begegnung begibt man sich in ihre Hand. Die Situation ist von performativer Intensität. Man legt die Hand in ihre Hand. Das ist ein Moment der Übergabe. In dieser Übergabe beginnt das Fremdwerden des Eigenen. Die eigene Hand enthält Territorien, von deren Existenz man nicht wusste. Eine Entdeckung verschiedenster Ländern entwickelt sich in der Intensität der Begegnung. Die Täler und Furchen, die Falten und Aufwölbungen, die Berge und Hügel jeder Hand verlangen nach einer anderen Landschaft. "Berglandschaft wird zur Skulptur", schreibt Angela Dorrer in ihrem Reisetagebuch am 14.10.2009.

Diese Landschaft entwirft die Künstlerin entlang des Weges. Sie kartografiert. Sie exploriert. Sie entwirft. Sie revidiert. "Im Laufe meiner Arbeits entwickelt sich eine Topografie verschiedenster Länder", sagt Dorrer. Diese Länder sind Miniaturen. Sie wohnen in der eignen Hand für die Dauer der malenden Begegnung mit der performativen Landschaftsmalerin, die sich in die Hände hineinbegibt, die ihre Landschaften in diese Hände legt. Die Faszination am Malerischen und am Skulpturalen waren Aufbruchsmotivation für Angela Dorrer. Zwischen Satellitenbild und Vogeflug, zwischen topografischer Symbolik und Besiedelung, werden die Handflächen zur momenthaften Verdichtung kultureller Layer, die sich durch die eingesetzten Pinselstriche äußern.
"Papillaren als Pinselstriche. Pastosität", schreibt Angela Dorrer in ihrem Reisetagebuch am 24.03.2010.

Die verblüffende Schönheit der entstehenden Muster, die überzeugende Abstraktion der Formen und Oberflächen vieler dieser gemalten Handlandschaften, die dann mit einem zweiten Blick, mit dem Blick der Kamera festgehalten werden, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um kein unschuldiges Verfahren handelt.

In der Ambivalenz der kulturellen und politischen Eingänge und Ausgänge in die Mikromalerei auf Handflächenformat eröffnen sich die Weite der Bezüge, die Landschaft, Territorium, Macht, Eigenes und Fremdes zueinander in Beziehung bringt. Reviere werden abgesteckt, Bereiche werden vermessen. Die Variationen wären prinzipiell endlos. Jedes Abstecken ist eine ästhetische Entscheidung. Jede ästhetische Entscheidung hat kulturelle Folgen. Alle kulturellen Folgen haben politische Bedeutungen. Die Bedeutungen verlangen nach Geschichten, die sie auf ihre Identitäten zurückwerfen können. Nach der Entdeckung ist vor der Geschichte. Nach der Geschichte ist die Entdeckung ihrer Entdeckung.

Was dem Eigenen so nahe ist, war immer fremd geblieben, weil es sich nicht ausgedrückt hatte. Was dem Eigenen interpretiert wird, lässt es als anderes erscheinen. In diesem Moment der Fremdheit agiert die Intensität der Begegnung zwischen der Hand und der Malerin. Aus jeder Begegnung entsteht eine Karte. Alle Karten gemeinsam könnten einen Atlas ergeben. Der Atlas würde Welten zeigen, die nur für einen Moment bestanden haben. In ihrer Flüchtigkeit liegt ihre Stärke. Dass man sich von ihnen reinigen kann, macht die Entdeckung vorübergehend. Der Moment wird festgehalten.
"Hautfurchen erzählen Geschichten", sagt Angela Dorrer. Jede Furche ist eine Übersetzung. "Hautfurchen werden zu Strichen. Abstrakt. Und auch ein bisschen Japan", ", schreibt Angela Dorrer in ihrem Reisetagebuch am 30.12.2009.

Jede Übersetzung ist eine neue Interpretation. Jede Interpretation ist eine Frage des Eigenen und der Anderen. An dieser Schnittstelle liegt die Hand, die wir erheben, die wir ergreifen, die wir schütteln, die wir verstecken. Die Hand, die man gibt, ist auch die Hand, die die Fahne der kolonialen Herrschaft in das neue Territorium pflanzte. Die Hand, die bemalt wird, ist auch die Hand, die entdeckt wurde. Die Malerin ist die Entdeckerin. Die Entdeckerin ist die Fotografin. Die Fotografin ist Handelnde.
Die Dimensionen verhalten sich sprunghaft. Größenverhältnisse und Besitzverhältnisse verschieben sich. Distanzen und Nähen werden unklar. Aus allernächster Nähe erscheint die eigene Hand in der größten Distanz. "Was nah erscheint, entfernt sich", schreibt Angela Dorrer.

Auf Haut gemalt
"Es war als sehe er seine Haut zum ersten Mal", schreibt Angela Dorrer in ihrem Reisetagebuch „Vom Reisen in fremden Händen“ am 02.1.2010.

Inspiriert vom französischen Informel, unter anderem von dem französischen Maler und Grafiker Jean Fautrier bricht Angela Dorrer in die Handmalerei auf. Sie setzt auf spontane, nichtgeometrische, abstrakte Malerei, auf einen Prozess, der keinen starren Regeln folgt.
Die Natur der Hand liegt auf der Hand. Beginnt man sie zu bemalen, ist dies ein Schritt in ihre Entfremdung. Die Hand wird eine andere. So hat man sie vorher nie sehen können. Sie wird gelesen im Zustand der Malerei. Das abergläubische des Handlesens, das die Zukunft entbergen soll, verbindet sich mit dem reisenden Konzept der Kartografien. Jede Linie hat ihre eigene Farbe. Jede Farbe hat ihre Bedeutung. Diese alte Bedeutungsschicht des Aberglaubens wird durch die performative Situation der Nähe, der Eins-zu-Eins-Begegnung verstärkt. Man legt die Hand in die Hand der Malerin. Was sie hervorruft, ist aus der Hand gelesen. Der Zustand ist ein vorübergehender. Die kulturellen Zuschreibungen und Bedeutungsebenen sind wiederum von höchster Ambivalenz. Dorrer spricht von der "Körperbemalung in fremden Kulturen". Auch "Tätowierungen" tauchen am assoziativen Bedeutungshorizont auf. "Der Körper wird zur Leinwand", sagt Angela Dorrer. Der Zustand ist nur einer von vielen. Er geht vorüber. Die Bemalung ist ephemer. Sie ist sich ihrer eigenen Vergänglichkeit bewusst. Sie wird sich wieder auflösen. Die Landschaft zerrinnt unter den Händen. "In der Berührung mit Schweiß und Wasser löst sich die Farbe auf", sagt Angela Dorrer.

Es ginge wieder von vorne los. So viele Hände, so viele Landschaften. Eine Hand, so viele Landschaften. Eine Landschaft, so viele Hände. Ist der Umkehrschluss zu denken. Man findet eine Landschaft und projiziert sie auf eine Hand. Das liegt auf der Hand. "Ich liebe die Idee der Vergänglichkeit", sagt Angela Dorrer.


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Bernadette Stummer
DIE MENSCHEN-HAND
Seelische Potentiale eines Menschen werden nicht nur auf einem Bild von ihm -
sondern sogar auf seiner eigenen Haut sichtbar -
und all seine Wege und Länder sind in ihm -
er braucht nur hinzuschauen, und sie Gestalt annehmen zu lassen.


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Michael Ondaatje
We are the True Countries
We die.
We die containing a richness of lovers and tribes,
tastes we have swallowed,
bodies we have plunged into and swum up as if rivers of wisdom,
characters we have climbed into as if trees,
fears we have hidden in as if caves.
I wish for all this to be marked on my body when I am dead.
I believe in such cartography--to be marked by nature,
not just to label ourselves on a map
like the names of rich men and women on buildings.
We are communal histories, communal books.
We are not owned or monogamous in our taste or experience.
All I desired was to walk upon such an earth that had no maps.
I carried Katharine Clifton into the desert,
where there is the communal book of moonlight.
We were among the rumour of wells.
In the palace of winds.

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Michael Ondaatje
Wir sind die wahren Länder
Wir sterben.
Wir sterben reich an Liebhabern und an Völkern,
an Säften, die wir genossen haben,
an Körpern, in die wir eingedrungen sind
und die wir durchschwommen haben wie Flüsse.
Wir sterben reich an Ängsten,
in denen wir uns versteckt hielten wie in dieser verfluchten Höhle.
Ich möchte von all dem Spuren auf meinem Körper.
Wir sind die wahren Länder,
nicht die Grenzen auf den Karten,
mit den Namen mächtiger Männer.
Ich weiß Du wirst kommen und mich hinaustragen in den Palast der Winde.
Mehr habe ich mir nicht gewünscht
als mit Dir an einem solchen Ort herumzulaufen,
mit Freunden,
auf einer Erde ohne Landkarten.
Die Lampe ist ausgegangen.
Ich schreibe weiter, im Dunkeln.


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Bernadette Stummer
DIE HAND-MALERIN
Also nähert sie sich behutsam dem anderen –
ihrerseits im Bewusstsein des "Sowohl-als-Auch"
einer jeden menschlichen Begegnung.
Für einen Moment lang erlaubt sie sich,
die Regie über die gemeinsame Situation zu übernehmen -
und in Frage zu stellen: wer eigentlich wer sei.
Dann gibt sie schon wieder frei,
indem sie selbst (zumindest sprachlich)
die Manifestation wieder hin zu einer möglichen zukünftigen Auflösung denkt.
Der Vorgang ereignet sich "im Fluss"-
so als beschriebe sie in kürzest möglicher Version von Ausdruck
einen mental/materiellen Prozess/Eingriff -
mit all seinen Gesetzen der "Alchemie" - und der "Beobachtung".


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Marc Wrasse
Draughtsman
The skin of the earth, covered in writing, is beautiful,
but it only covers the pain.
The earth is ignorant of its pain,
and the gaze falling on its mapped body cannot see it.
Only the draughtsman’s hand,
which had nearly broken under the hardship of the work ages ago,
reminds him vaguely of it.
Each time the draughtsman raises his hand to beat his children,
it still feels this pain and feels that the pain of the smack
and the pain of the beaten one are of the same kind,
but not not of the same intensity.
This is why neither the earth nor the gaze,
only the draughtsman has knowledge of the pain
which his work wants to push into oblivion.
But his hand is alien to him.“

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Marc Wrasse
Zeichner
Die beschriebene Haut der Erde ist schön,
aber sie verbirgt den Schmerz.
Die Erde weiß selbst nichts von ihrem Schmerz
und der Blick auf ihren kartografierten Leib kann ihn nicht sehen.
Nur die Hand des Zeichners,
die vor langer Zeit unter der Härte der Arbeit beinahe zerbrochen wäre,
erinnert ihn dunkel.
Jedes Mal wenn der Zeichner die Hand hebt um seine Kinder zu schlagen,
spürt sie noch diesen Schmerz, und fühlt
dass der Schmerz des Schlags und des Geschlagenen von gleicher Art sind,
wenn auch nicht von gleicher Intensität.
Deswegen könnte nicht die Erde und nicht der Blick,
sondern einzig der Zeichner von dem Schmerz wissen,
den seine Arbeit vergessen machen will.
Aber seine Hand ist ihm fremd.


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Daniel Belasco Rogers
Patterns
If at the end of your life, you could look at the shapes your wanderings over the earth have made, what patterns would you see?



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--> Angela Dorrer about her work.


--> Angela Dorrer über ihre Arbeit.